Hausarzt und gleichzeitig Allgemeinmediziner geht das überhaupt?
Hausarzt und gleichzeitig Allgemeinmediziner geht das überhaupt?
Sie stehen vor der Anmeldung, in der einen Hand die Versichertenkarte, in der anderen einen kleinen Zettel, auf dem eigentlich nur drei Dinge stehen sollten.
Blutdrucktabletten. Rückenschmerzen.
Und dieser Husten, der inzwischen hartnäckiger ist als ursprünglich geplant.
Während Sie warten, fällt Ihr Blick irgendwo auf die Bezeichnung:
Fachärztin für Allgemeinmedizin.
Moment mal. Sie wollten doch zur Hausärztin.
Ist Allgemeinmedizin etwas anderes? Brauchen Sie für den Husten den Allgemeinmediziner, für den Blutdruck den Hausarzt und für den Rücken am Ende noch jemanden ganz anderen?
Keine Sorge. Sie dürfen den Zettel wieder einstecken.
Sie sind schon richtig.
Zwei Wörter, die komplizierter klingen, als sie sind
Hausarzt und Allgemeinmediziner klingen zunächst, als wären das zwei unterschiedliche Berufe. Tatsächlich beschreiben die Begriffe aber zwei verschiedene Dinge.
„Fachärztin oder Facharzt für Allgemeinmedizin“ bezeichnet die fachärztliche Qualifikation. „Hausärztin oder Hausarzt“ beschreibt dagegen die Rolle, die eine Ärztin oder ein Arzt in Ihrer Versorgung übernimmt.
Und bei Fachärztinnen und Fachärzten für Allgemeinmedizin gehört genau diese hausärztliche Versorgung zum Kern ihrer Arbeit.
Das bedeutet: Sie kümmern sich nicht nur um den akuten Infekt von heute Morgen oder den Rücken, der seit gestern zwickt. Allgemeinmedizin begleitet Menschen häufig über Jahre – bei akuten Beschwerden ebenso wie bei chronischen Erkrankungen, Vorsorge, Medikamenteneinstellungen oder nach einem Krankenhausaufenthalt.
Kurz gesagt:
Allgemeinmedizinerin ist die Fachrichtung.
Hausärztin ist die Aufgabe.
Und sehr oft ist dieselbe Person beides.
Montagmorgen, irgendwann mitten in der Sprechstunde
Der erste Patient kommt wegen Halsschmerzen. Kurz danach sitzt jemand im Behandlungszimmer, dessen Blutdruck am Wochenende beschlossen hat, sich nicht mehr an die üblichen Absprachen zu halten.
Dann möchte jemand eigentlich nur einen Laborwert besprechen.
Eigentlich. Denn kurz vor dem Aufstehen fällt noch dieser Satz:
„Ach, wo ich gerade hier bin … mir wird seit ein paar Wochen manchmal so komisch schwindelig.“
Eine Patientin braucht ihre Dauermedikamente. Jemand anderes hat Rückenschmerzen. Ein Kind hat Fieber. Ein Mensch schläft seit Wochen schlecht. Einer macht sich Sorgen wegen eines Befundes, dessen medizinische Begriffe er zwar gelesen, aber noch lange nicht verstanden hat.
Und irgendwann sitzt jemand da und sagt:
„Ich weiß gar nicht, ob ich damit bei Ihnen richtig bin.“
Doch. Genau dafür gibt es Allgemeinmedizin.
Nicht, weil Allgemeinmediziner alles behandeln.
Sondern weil sie sehr häufig diejenigen sind, die zuerst herausfinden müssen:
Was ist hier eigentlich los?
Der Körper hält sich leider nicht an Fachgebiete
Es wäre ausgesprochen praktisch, wenn Beschwerden morgens schon ordentlich beschriftet wären.
Sie wachen auf, schauen in den Spiegel und auf Ihrer Stirn steht:
Kardiologie.
Oder:
Orthopädie.
Vielleicht noch mit Dringlichkeitsstufe und der passenden Telefonnummer darunter.
Tut es leider nicht.
Stattdessen tut Ihnen die Brust weh. Oder der Bauch. Sie sind ungewöhnlich müde, Ihnen ist schwindelig, das Herz stolpert, ein Bein ist plötzlich geschwollen oder Sie merken einfach:
So wie sonst fühlt sich das nicht an.
Und genau hier beginnt hausärztliche Allgemeinmedizin. Nicht mit einer fertigen Diagnose. Nicht mit einem Fachgebiet. Sondern mit einem Menschen und einer Frage. Also erzählen Sie erst einmal.
Seit wann ist das so? Wie hat es angefangen? Wann tritt es auf? Was macht es besser, was schlechter? Gab es das schon einmal? Nehmen Sie neue Medikamente? Fieber? Stress? Eine Operation? Hat sich in letzter Zeit sonst etwas verändert?
Während Sie erzählen, entsteht langsam ein Bild.
Manchmal reicht eine körperliche Untersuchung. Manchmal brauchen wir Blutwerte, ein EKG, eine Lungenfunktion oder weitere Diagnostik.
Und manchmal wird ziemlich schnell klar:
Hier brauchen wir jemanden aus einem anderen Fachgebiet.
Weiter überweisen heißt nicht: Geschichte beendet
Vielleicht brauchen Sie Kardiologie. Orthopädie. Gastroenterologie. Neurologie. HNO. Oder eine Klinik.
Dann schicken wir Sie weiter.
Aber Ihre Geschichte zerfällt dadurch nicht plötzlich in einzelne Organe.
Ihr Herz weiß schließlich nichts davon, dass die Orthopädin nur Ihren Rücken gesehen hat. Ihr Magen interessiert sich wenig dafür, dass Sie nächste Woche noch einen Termin wegen des Knies haben. Und der neue Blutdruckwert kann durchaus mit etwas zusammenhängen, das in einem ganz anderen Arztbrief steht.
Sie bleiben ein Mensch.
Und genau hier liegt eine der wichtigsten Aufgaben der Hausarztmedizin: Informationen wieder zusammenzuführen.
Was hat die Facharztpraxis festgestellt? Welche Medikamente wurden geändert? Passt das zu den anderen Erkrankungen? Welche Untersuchungen fehlen noch? Muss etwas kontrolliert werden? Was hat sich seit dem letzten Besuch verändert?
Manchmal ist Hausarztmedizin deshalb ein bisschen wie das Zusammensetzen eines Puzzles, dessen Teile aus unterschiedlichen Praxen, Kliniken, Laboren und Jahren stammen.
Nur dass auf der Schachtel leider kein fertiges Bild abgedruckt ist.
Und irgendwann kennen wir Sie
Nicht nach einem einzigen Termin. Aber vielleicht nach Jahren.
Dann wissen wir irgendwann, dass Ihr Blutdruck in der Praxis grundsätzlich höher ist als zu Hause, weil offenbar schon die Manschette ausreicht, um Ihr Herz-Kreislauf-System persönlich zu beleidigen.
Wir wissen, welches Medikament Sie vor drei Jahren überhaupt nicht vertragen haben.
Dass ein bestimmter Laborwert bei Ihnen schon immer ein wenig aus der Reihe tanzt.
Dass zu Hause jemand gepflegt wird. Dass die vergangenen Monate schwierig waren.
Oder dass Sie normalerweise wirklich erst dann kommen, wenn es gar nicht mehr anders geht.
Das alles steht nicht auf einem einzelnen Laborzettel. Trotzdem gehört es zur Medizin.
Denn Hausarztmedizin hat etwas, das sich mit keinem neuen Gerät ersetzen lässt:
Zeit.
Nicht unbedingt die zusätzliche halbe Stunde, die wir uns an manchen Vormittagen durchaus wünschen würden. Sondern Zeit im Sinne von: Jahre. Verläufe. Veränderungen. Wir sehen nicht nur diesen einen Dienstag. Wir kennen vielleicht auch die Dienstage davor.
Und genau deshalb kann ein Wert, ein Symptom oder eine Veränderung bei einem Menschen eine ganz andere Bedeutung haben als bei einem anderen.
Und was macht nun ein Allgemeinmediziner?
Im Grunde genau das.
Die Allgemeinmedizin ist bewusst breit angelegt. Sie umfasst akute Erkrankungen genauso wie chronische Beschwerden, Vorsorge, Prävention, langfristige Betreuung und die Koordination mit anderen medizinischen Fachrichtungen.
Der Husten von gestern. Der Diabetes seit zwölf Jahren. Die Impfung nächste Woche. Der Blutdruck.
Die Rückenschmerzen. Die Kontrolle nach dem Krankenhausaufenthalt. Die Medikamente.
Und manchmal auch die Frage, wie Medizin begleiten kann, wenn sie nicht mehr heilen kann.
Das alles kann Allgemeinmedizin sein.
Und genau deshalb ist die Vorstellung, ein Allgemeinmediziner kümmere sich hauptsächlich um akute Erkrankungen und ein Hausarzt dagegen um die langfristige Versorgung, eigentlich die falsche Trennung.
Die langfristige hausärztliche Betreuung ist ein wesentlicher Teil der Allgemeinmedizin.
Aber nicht jeder Hausarzt ist Facharzt für Allgemeinmedizin
Jetzt machen wir es doch noch für einen kurzen Moment kompliziert.
Versprochen: nur kurz.
Auch Ärztinnen und Ärzte anderer dafür vorgesehener Fachrichtungen – insbesondere hausärztlich tätige Internistinnen und Internisten – können hausärztlich tätig sein.
„Hausarzt“ ist also nicht automatisch gleichbedeutend mit „Facharzt für Allgemeinmedizin“.
Für Sie als Patientin oder Patient ist aber meistens ohnehin etwas anderes entscheidend.
Wenn Sie sagen:
„Das ist meine Hausärztin.“
dann denken Sie vermutlich nicht an Weiterbildungsordnungen und Facharztbezeichnungen.
Sie meinen:
Das ist die Ärztin, zu der ich zuerst gehe. Die meine Vorgeschichte kennt. Die einordnet. Behandelt.
Kontrolliert. Und mich weiterüberweist, wenn jemand anderes übernehmen muss.
Zurück zu Ihrem Zettel
Sie stehen noch immer an der Anmeldung.
Blutdrucktabletten. Rückenschmerzen. Husten. Drei Dinge, die medizinisch in völlig verschiedene Richtungen führen können. Und trotzdem stehen sie auf demselben kleinen Stück Papier.
Vielleicht erklärt genau das Allgemeinmedizin besser als jede Definition.
Menschen kommen schließlich nicht nach Fachgebieten sortiert zu uns. Sie kommen mit dem, was gerade da ist. Mit etwas Neuem. Etwas Altem. Etwas, das weh tut. Etwas, das Angst macht.
Oder mit einem Satz, der eigentlich ganz harmlos beginnt:
„Ach, wo ich gerade hier bin …“
Und manchmal führt genau dieser Satz plötzlich in eine völlig andere Richtung als der Termin ursprünglich geplant war.
Hausarzt und gleichzeitig Allgemeinmediziner?
Ja. Das geht nicht nur.
Bei einer Fachärztin oder einem Facharzt für Allgemeinmedizin gehört die hausärztliche Versorgung ganz wesentlich dazu.
Denn bevor Medizin sich in Kardiologie, Orthopädie, Neurologie, Gastroenterologie und all die anderen Fachrichtungen aufteilt, sitzt häufig erst einmal ein Mensch vor uns und sagt:
„Ich weiß gar nicht, ob ich damit bei Ihnen richtig bin.“
Doch.
Dafür sind wir da.












